Verfolgung und Folter: VW will Verwicklungen in brasilianischer Diktatur aufarbeiten

Bis weit in die Achtzigerjahre hat Volkswagen offenbar mit den Machthabern in Brasilien zusammengearbeitet, jetzt will der Konzern diese Geschichte aufarbeiten: „Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Unrecht, das damals geschehen ist“, sagte der Leiter der historischen Kommunikation bei VW, Manfred Grieger, der Nachrichtenagentur dpa.

In Brasilien hatte Grieger zuvor mit Justizvertretern über einen möglichen Umgang mit den Vorwürfen gesprochen. Im September hatten ehemalige Beschäftigte und Aktivisten Anzeige gegen VW erstattet, weil der Konzern während der Diktatur zwischen 1964 und 1985 die Verfolgung und Folterung von Gegnern der Diktatur erlaubt habe. Volkswagen hat seit 1953 Dependancen in Brasilien und beschäftigt dort etwa 20.000 Menschen.

Der Konzern soll während der Diktatur zugelassen haben, dass zwölf Arbeiter einer Fabrik am Rand von São Paulo festgenommen und gefoltert wurden. Zudem sollen Mitarbeiter von Volkswagen „schwarze Listen“ von Oppositionellen erstellt und Informationen über subversive Aktivitäten von Mitarbeitern übermittelt haben.

Die von Staatspräsidentin Dilma Rousseff eingesetzte Wahrheitskommission sieht klare Indizien für eine Kollaboration der VW-Tochter Volkswagen do Brasil mit dem Regime. Rousseff war Anfang der Siebzigerjahre als Mitglied einer linken Guerillagruppe selbst in Haft genommen und dort gefoltert worden. Die Kläger verlangen von Volkswagen wegen der jetzt erhobenen Vorwürfe Schadensersatz.

VW dementiert Verhandlung über Reparationen

Bei der Forderung nach kollektiver Entschädigung gebe noch keine Annäherung, schrieb Grieger in einer E-Mail an die brasilianische Zeitung „O Estado de São Paulo“: Es sei unklar, wie so etwas aussehen könnte. Wichtig seien weitere Gespräche mit Opfern, auch eine offizielle Entschuldigung durch VW-Repräsentanten sei denkbar. „Eine Idee könnte es sein, gemeinsam mit brasilianischen Institutionen wie etwa den Gewerkschaften eine Gedenkschrift zu entwickeln“, schrieb Grieger weiter.

Die Staatsanwaltschaft muss die Vorwürfe nun prüfen, auch eine außergerichtliche Einigung ist möglich. Wie die Zeitung weiter berichtete, habe Grieger auch Verhandlungen über Reparationen angeboten, was dieser aber dementiert. Spätestens Anfang 2016 seien weitere Gespräche geplant.

Die Anzeigen gegen Volkswagen in Brasilien fallen mit dem Skandal um manipulierte Abgaswerte zusammen: VW hatte Anfang Oktober eingeräumt, Abgaswerte von Dieselfahrzeugen durch eine Software manipuliert zu haben. Bei Tests auf dem Prüfstand führte das Programm zu einem niedrigeren Schadstoffausstoß als im Normalbetrieb. Weltweit wurde die Software in bis zu elf Millionen Autos eingebaut. Dem Konzern droht nun eine Prozesslawine.

Zuletzt war bekannt geworden, dass der Volkswagenkonzern laut einem Medienbericht ein Kronzeugenprogramm für Mitarbeiter plant, die in die Abgasaffäre verstrickt sind. Betroffene Beschäftigte sollten ihren Job behalten und von Schadensersatzforderungen verschont bleiben, wenn sie ihre Beteiligung gestehen.

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